Interview

Olivier Ducastel & Jacques Martineau über …

… die Eröffnungssequenz

Ducastel:Über den Beginn des Films wird sehr viel geredet. Dabei war die Eröffnungssequenz eigentlich ganz einfach zu filmen, oder?

Martineau: Ja - der Dreh fühlte sich ganz natürlich an. In der Szene geht es ja nicht einfach um den reinen Geschlechtsakt, nicht um das Spektakel von Schauspielern mit Erektionen. Sie steht im unmittelbaren Dienst der Geschichte, wenngleich natürlich auf eine ganz andere Weise als etwa eine Familienszene am Essenstisch. Die Szene musste glaubhaft machen, dass sich diese beiden Jungs auf einer Woge des Begehrens nicht nur sexuell begegnen, sondern sich ganz unmittelbar ineinander verlieben. Für uns war wichtig, wie sie sich ansehen und sofort erkennen.

 

… die Produktionsgeschichte

Martineau: In gewisser Weise hat die Eröffnungssequenz die Produktion des Films aber schwieriger gemacht.

Ducastel: Als wir mit dem Schreiben des Drehbuchs begannen, war uns und unserem Produzenten Emmanuel Chaumet klar, dass wir den Film wie Piraten machen müssten, jenseits dessen, wie französische Filme gemeinhin finanziert werden. Das erlaubte uns aber auch einen ganz anderen Blick. Es gab uns die Freiheit, unsere künstlerische Vision konsequent zu Ende zu denken. Schließlich macht es keinen Sinn, am Rande der Filmindustrie zu arbeiten, um am Ende doch auch nur weichgespülte Bilder zu produzieren. Der Dreh der Eröffnungs sequenz war in diesem Sinne ein Experiment. Es war uns wichtig, Sex ohne irgendwelche moralischen oder ökonomischen Restriktionen zu filmen - aber auch ohne das übliche Vokabular von Pornos.

 

… die Schauspieler

Martineau: Unser Casting-Aufruf bestand aus einer ziemlich expliziten Anzeige, mit der wir vermutlich schon viele potentielle Darsteller abgeschreckt haben.

Ducastel: Es war reiner Zufall, dass sich Geoffrey und François schon beim Casting kennengelernt und zusammen die ersten Screen-Tests gemacht haben. Vom ersten Moment an war uns klar, dass sie die beiden Richtigen für die Rollen sind. Nach dem Casting trafen wir uns, redeten über den Film und den Dreh der Sexszene und boten ihnen schließlich die Rollen an. Erst dann machten wir auch Screen-Test für die Sexszene. Wir mussten abklären, ob wir uns alle dabei wohlfühlen. Neben uns waren der Kameramann, sein Assistent und unser Regieassistent dabei; es war eine Art Mini-Dreh. Danach gaben wir Geoffrey und François nochmal die Gelegenheit, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Was sie zum Glück nicht taten!

Martineau: Der Screen-Test hat uns gezeigt, dass wir den Sex tatsächlich so drehen konnten, wie wir es uns vorgenommen hatten. Schon beim Probe-Dreh war eine Atmosphäre von plötzlicher Verliebtheit im Raum. Und genau darum ging es uns ja: eine Liebesgeschichte zu erzählen!

 

… die Liebesgeschichte

Martineau: Unser Plan war, einen Film über den Beginn einer Liebe zu drehen. All unsere Filme handeln von Liebe. Aber diesmal wollten wir an den Ursprung zurück. In gewisser Weise ist dies eine Rückkehr zu unserem ersten Film, »Jeanne et le garçon formidable«, in dem es um den Anfang einer eigentlich unmöglichen Liebes geht. Diesmal jedoch wollten wir ein Happy End - allen Hindernissen zum Trotz, die die Figuren überwinden müssen.

Ducastel: Sich auf eine Liebe einlassen heißt immer auch Risiken einzugehen. Man verknallt sich in jemanden und lässt diese Verliebtheit zu, selbst wenn man weiß, dass der Preis über kurz oder lang hoch sein könnte. Dabei ist es unmöglich, objektive Aussagen über die Liebe zu treffen. Du fühlst etwas und entscheidest, dass das Liebe ist - aber niemand kann Dir sagen, ob das auch wirklich stimmt, quasi empirisch richtig ist.

 

… schwules Kino

Ducastel: Da wir nicht nur einen Liebesfilm, sondern einen schwulen Liebesfilm machen wollten, lag es nahe, mit Sex zu beginnen. Denn so beginnen nun mal oft Begegnungen zwischen Schwulen. Eine solche sexuelle Begegnung, die das Versprechen von Nähe in sich trägt, kann aber auch schnell zum Konflikt führen, wenn einer der Beteiligten HIV-positiv ist.

Martineau: Du spricht von einem »schwulem Film« - und schon steht uns der nächste Rüffel ins Haus.

Ducastel: Das hat uns doch bisher auch nie abgeschreckt.

Martineau: Das stimmt, und in unserem Alter sollten wir auch nicht mehr damit anfangen zu erzählen, dass diese Art zu denken spalterisch wäre.

Ducastel: Ich wüsste auch keinen Grund, warum Heteros unseren Film nicht sehen sollten.

Martineau: Eben, Liebe ist universell!

Ducastel: Das klingt wie eine Plattitüde!

Martineau: Dann eben: Sex ist universell!

 

… Film in Echtzeit

Ducastel: Was man jedenfalls ganz objektiv feststellen kann: Es ist ein Film, und zudem ist es ein Film in Echtzeit. Das war Deine Idee …

Martineau: Mir schien das eine ganz logische Maßnahme zu sein, um eine Figur ganz in den Griff zu bekommen und sie nicht mehr loszulassen. Wenn es um den Beginn einer Liebe geht, empfiehlt es sich, auf den Kunstgriff einer allzu elliptischen Erzählung zu verzichten. Viel besser ist es doch, in der Spannung der ersten Begegnung zu bleiben. Der Zuschauer muss sich fragen, ob und wann es die beiden Figuren schaffen werden, sich ihre Liebe zu gestehen. Aus dieser Perspektive heraus schien es dann wiederum ganz logisch, den Film mit einer Sexszene beginnen zu lassen. Das schafft dem zentralen Antrieb des Films. Und da stören dann auch nicht die Momente des Abdriftens und die damit verbundenen weniger intensiven Szenen, die vom Erzählen in Echtzeit kommen.

Ducastel: Wir mochten schon immer Filme, die in Echtzeit spielten. Ein jüngeres exzellentes Beispiel ist der Film »No Turning Back« von Steven Knight, in dem Tom Hardy die Hauptrolle spielt. Der Bezug zur Echtzeit erklärt auch den Originaltitel des Films, »Théo et Hugo dans le même bateau« - der auf »Céline et Julie vont en bateau« (1974) von Jacques Rivette und »Cléo de 5 à 7« (1962) von Agnès Varda anspielt. Rivette und Varda waren Meister des Erzählens in Echtzeit. »Théo de 5 à 7« war uns als Titel aber zu offensichtlich - der Rollenname reicht als Hommage.

Martineau: Wir wiederholen uns generell nicht so gerne in unserer Arbeit. Neue Herausforderungen reizen uns viel mehr. Und die Vorbereitungen, der Dreh und auch der Schnitt bei einem Film, der in Echtzeit abläuft, sind schon etwas Besonderes. »Théo & Hugo« ist ein Film, der durch seine formalen, technischen und finanziellen Beschränkungen strukturiert wird. Diese führten uns aber zu etwas Wunderbaren: Paris bei Nacht zu filmen, wie wir es wollten.

 

… Paris bei Nacht

Ducastel: Die Arbeit mit langen, ungeschnittenen Einstellungen machte bei diesem Film nicht nur künstlerisch Sinn, sondern war auch ein technisch-ökonomisches Gebot - immerhin dauert das Aufteilen von Szenen in mehrere Einstellungen ewig und kostet Unmengen an Geld. Auf den Straßen kannst du in der Nacht das Licht zudem kaum kontrollieren - es sei denn, Du hast enorme finanzielle Mittel. Die Farben verändern sich einfach viel zu schnell in Paris. In ein paar Einstellungen von »Théo & Hugo« sind diese "Anomalien" im Licht noch erkennbar: Wir bewegen uns von gelb zu weiß; die Verkehrslichter haben einen merkwürdigen Effekt auf die Schauspieler etc. Hätten wir den Film auf herkömmliche Weise geschnitten, wären das alles riesige Continuity-Probleme geworden. In einer langen ungeschnittenen Einstellung aber akzeptiert der Zuschauer diese Variationen, denn sie sind nachvollziehbar.

Martineau: Mit unseren begrenzten finanziellen Mitteln konnten wir auch den Verkehr nicht kontrollieren, nicht einmal die Passanten. In einer langen ungeschnittenen Einstellung passieren "Unfälle" ganz natürlich innerhalb des Bildes. Im Schneideraum haben wir uns dann für die eine oder andere Einstellung entschieden - wobei das nicht immer nur vom Schauspiel abhing, sondern auch von den Ereignissen, die um die Figuren herum passierten. Plötzlich hatten wir vorbeifahrende Autos, LKWs, Ambulanzen und Motorräder, an die wir selbst mit mehr Mittel nicht gedacht hätten. Wir haben versucht, Paris bei Nacht als leere und geheimnisvolle Stadt zu zeigen, die von merkwürdigen Erscheinungen erfüllt ist, überzogen vom Licht der Fahrzeuge, der Straßenlampen und Leuchtreklamen, die die ganze Nacht über an sind.

Ducastel: Der Film ist auch eine Liebeserklärung an den Osten von Paris, in dem wir leben. Vor 18 Jahren haben wir hier bereits »Jeanne« gedreht. Ein bizarrer Zufall wollte es, dass unsere Figuren die Wege kreuzen, die auch die Terroristen bei ihren Anschlägen am 13. November 2015 nahmen. Mehr noch: Théo erscheinen die Bilder seines Albtraums genau in jenem Moment, als er an den beiden Cafés vorbeiläuft, vor denen das Shooting begann. Unser Film wurde vor dem 13. November geschnitten - die Zusammenhänge sind rein zufällig.

 

… die Musik

Martineau: Unsere Musik trägt nicht nur dazu bei, eine Reihe von Szenen psychologisch zu grundieren, sondern auch, den Zuschauern ein Verständnis vom Raum zu vermitteln. Sie soll ihnen helfen, bestimmte Dinge besser zu sehen bzw. die Tiefe gewisser Aspekte zu erkennen. Manche Szenen haben wir extra dafür gedreht, um Raum für Musik zu schaffen.

Ducastel: Wir haben eine lange Eröffnungssequenz ohne Dialoge. Dafür brauchten wir Musik, die authentisch klingt: eine Playlist, wie man sie in einem Sexclub hören würde. Wir wollten die Musik sehr energetisch und wild, aber dennoch lyrisch. Die Eröffnungssequenz musste ein Erlebnis sein - bildlich und akustisch -, um die existentielle Erfahrung der Figuren spürbar werden zu lassen. Ich glaube, einige Zuschauer werden nach dieser Eröffnung fast erschöpft sein und an die frische Luft wollen, auf die offene Straße - ganz so wie unsere Figuren, die plötzlich auftauchen in einer verlassenen Stadt, verbunden durch eine merkwürdige Intimität.

Martineau: Es gibt ein Stück von Asaf Avidan auf dem Soundtrack - weil wir es sehr mögen, aber auch weil es die ganze übrige Musik wie Musik aus einem Sexclub wirken lässt.

Ducastel: er Rest wurde zum Teil von unseren Studenten komponiert, die uns beim Film halfen. Wir mochten die Musik, die sie für uns gespielt haben, und fanden einfach, wir sollten ihnen vertrauen. Immerhin wollten wir zeitgemäß sein.

Martineau: Die Arbeit mit jungen Leuten, die zuvor noch nie an einem Spielfilm gearbeitet haben, war überhaupt der Schlüssel für den Erfolg des ganzen Drehs. Wir machten es, weil wir eins nicht wollten: in eine Routine verfallen.

 

… ihre Zusammenarbeit

Ducastel: Die Leute fragen uns immer, wie sich unsere Kooperation im Laufe der Jahre verändert hat.

Martineau: Nun, wir leben mittlerweile nicht mehr zusammen, aber das hat unsere Zusammenarbeit nicht sehr verändert. Du stehst mir beim Schreiben immer noch zur Seite, lässt mir aber stets alle Freiheiten. Ich halte es bei deiner Regieführung genauso. Bei der Arbeit mit den Schauspielern, im Schnitt und bei der Tonmischung teilen wir uns unseren individuellen Talenten entsprechend die Arbeit. Oder siehst du das anders?

Ducastel: Nein, aber ein Detail hat sich vielleicht wirklich geändert: Ich kann mit dir nun offener über Sex sprechen.

Martineau: Das wird jetzt aber sehr privat. Glaubst du, das kann man so drucken?

Ducastel: Na klar?… Nach all dem, was wir bereits gefilmt haben!